Sage aus Obsteig

Die Mara vom "Marabarg"

Die Obsteiger reden vom „Marabarg“, wenn sie die Marienbergalm meinen.

Eine alte Sage erzählt von der Mara, der Hüterin der Gämsen am Marienberg.

Mara gehörte zum Geschlecht der Saligen und wohnte mit ihren Schwestern in den Felsbänken unterhalb der Marienbergspitzen. Manchmal sahen die Hirten die schneeweißen Gewänder der Saligen in der Abendsonne in einem zarten Rot leuchten.

Mara hatte sich in einen jungen Jäger Namens Georg verliebt, der immer wieder den Marienberg durchstreifte um zu jagen. Der junge Jäger war ein braver Mann und achtete sehr darauf kein trächtiges Wild zu erlegen. Auch das gefiel Mara, der wunderschönen Frau aus dem Reich der Saligen.

Eines Tages, als der Jäger am Berg auf Gämsenjagd war, traf er auf Mara und sah wie diese einem Gamskitz, welches ein Bein gebrochen hatte, eine Salbe auftrug und einen Verband anlegte. Das Gamskitz sprang darauf munter davon und verschwand in den Latschen.

Der Jäger setzte sich zu Mara und meinte, dass er noch nie eine so schöne Frau hier gesehen hätte. Er fragte sie, was sie hier oben wohl mache. Mara erklärte dem Jäger, dass sie auf die Gämsen schauen würde, für jede der Gämsen einen Namen wusste und sehr wohl gesehen habe, worauf Georg bei der Jagd achtete. Sie erzählte dem Jäger auch woher sie kam und wolle ihn gerne wiedersehen. Er müsse ihr nur etwas versprechen. Er dürfe niemandem ihren richtigen Namen sagen und auch nicht woher sie komme.

So sahen sich die beiden immer wieder und waren sehr glücklich miteinander. Der Jäger Georg ging nun fast täglich auf die Jagd ins „Plodertal“. Im Dorf war er kaum mehr zu finden. Immer wieder, selbst bei den Festen die er bisher lustig mitgefeiert hatte, verschwand er heimlich und ging auf die Jagd. Er erlegte aber keine Gämsen mehr, weil im die Schützlinge der Mara einfach leid taten.

So beschlossen die Burschen des Dorfes dem Georg nach zu schleichen, um zu sehen was ihn so sehr auf die Marienbergalm lockte. Dort sahen sie Georg zwischen den Almrosen sitzen und neben ihm eine wunderschöne Frau in ihrem weißen Gewand.

Die Burschen erzählten allen im Dorf was sie gesehen, wie wunderschön die Frau in Georgs Nähe war, und dass diese sogar ein Gamskitz streichelte.

Im Dorf hatte nun Georg keine Ruhe mehr. Jeder fragte, wer die schöne Frau war und woher sie komme. Georg dachte sich einen Namen aus und sagte, die schöne Frau käme irgendwo aus dem Außerfern. Doch niemand im Außerfern kannte eine so schöne Frau in weißen Kleidern mit diesem Namen. So ging Georg den Menschen im Dorf möglichst aus dem Weg und immer auf die Jagd und zu seiner Mara.

Die Burschen des Dorfes beschlossen, dem Georg einen gewaltigen Schrecken einzujagen. Sie errichteten in der Alm einen großen Reisighaufen, ganz oben auf einem Felsvorsprung. Sie bauten aus Leinentüchern eine Puppe, setzten diese auf den Reisighaufen und warteten auf den Jäger Georg. Als sie Georg kommen sahen, entzündeten sie den Reisighaufen. Als Georg den brennenden Haufen sah und meinte seine Mara dort zu sehen, lief er auf das Feuer zu und rief laut ihren Namen. „Mara, Mara“ hallte es durch die Alm und im Echo „Mara, Mara“ von den Felsen zurück. Im letzten Moment erkannte Georg die Finte, doch es war schon zu spät. Er stürzte über den Felsvorsprung in die Tiefe und war tot.

Die Burschen sahen was sie angerichtet hatten und rannten davon. Mara und ihre Schwestern bei ihren Gämsen hatten alles mit angesehen. Sie trugen Georg auf einen seiner Lieblingsplätze, auf halber Höhe zur Handschuhspitze und begruben ihn dort. Mara und ihre Schwestern weinten so bitterlich, dass dort oben ein kleiner See entstand, der bis heute nicht ausgetrocknet ist.

Auch die Burschen wurden nicht mehr richtig froh. Sie kamen immer wieder trauernd und betend zurück an jenen Ort wo der Jäger Georg über den Felsen stürzte und kehrten dort immer wieder reumütig um. „Mara, Mara“ klang der Schrei des armen Georg noch immer in ihren Ohren nach. Diese Beter-Umkehr kennen die Hirten und Almbauern noch heute.

 

Einige Jahrhunderte sind vergangen, nie mehr wurden Mara und ihre Saligen Schwestern gesehen. Die Hirten und Bauern errichteten in christlichem Gedenken eine Kapelle an der alten Marienberg Almhütte. Unter dem Kreuz sollen früher zwei kleine Holzfiguren an Mara und Georg erinnert haben. Die später geschnitzten, heute auch schon uralten Statuen aus der Marienberg Kapelle, sind neu renoviert an der Rückwand auf der Empore der Obsteiger Pfarrkirche zu finden.

So wurde im Laufe der Zeit aus Mara und Georg, Maria und Josef, aus dem „Marabarg“ der Marienberg und aus der Beter-Umkehr die Bettler-Umkehr.

 

Doch für die Almbauern und Einheimischen bleibt die Marienbergalm der

„ M A R A B A R G “

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Die alte Almhütte am Marienberg,

mit angebauter Kapelle.

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